Lebensgeschichte des Partners im Rollentausch
Andreas Schulz
Psychodrama-Therapeut

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Die Darstellungen von Lebensgeschichten, erzählt oder miterlebt, verwandeln sich, wenn Perspektiven und Blickwinkel geändert werden. Die wiederkehrende Fokussierung unterschiedlicher Aspekte des Erlebens zentraler persönlicher und familiärer Lebensereignisse kann zu Überraschungen über sich selber und über die Protagonisten der Familiengeschichte führen. Lang gehegte persönliche Überzeugungen können ins Wanken geraten, im Licht des Spiegels betrachtet können ganze Familienmythologien und die damit oft verbundene Sogwirkung streng gehüteter Tabus ihrer Glaubwürdigkeit und Schärfe entrückt werden. Befreiender Humor betritt die Bühne des Lebenshorizontes.

Die Schilderung der Lebensgeschichte des Protagonisten durch den Partner kann sowohl als Einladung zu einem intensiven Paardialog und zu einem vermehrten inneren emotionalen und geistigen beidseitigen Verständnis aufgefasst werden, aber auch als eine beschämende Spiegelung eigener Schwächen und die Verschärfung einer latent bestehenden destruktiven Paardynamik zur Folge haben. Voraussetzungen für die direkte Darstellung in Skulpturen, Rollenspielen oder in Paargruppen in Form eines Playbackspiels sind ein hohes Maß an Vertrauen und Klarheit.

Die Darstellung der Lebensgeschichte des Protagonisten durch den anwesenden Partner ist immer zugleich eine verändernde und verfremdende Interpretation für den zuschauenden Protagonisten. Der Rollentausch und das damit verbundene tiefe Eintauchen in die Lebenswelt des Partners können aber auch für den darstellenden Partner zu einer veränderten Wahrnehmung der eigenen Sichtweise über sich selber führen. Er sieht sich innerlich selber aus der Sicht des Partners, den er spielt.

Bei vollständigem Rollentausch sieht sich der Protagonist als Objekt wie in einem Spiegel. Durch die Technik des Spiegeln kann eine Verleugnung aufgehoben werden, aus der Distanz und dem Blickwinkel des Partners ist es dem Protagonisten eher möglich, sich mit sich selbst zu konfrontieren, Gefühle, Regungen, innere Haltungen und Verstrickungen wahrzunehmen, auch "fremde Aspekte", wenn ihm vertraute psychodramatische Rollen (z.B. "der gebeugte Junge vor dem strafenden Vater") im Spiegel des Partnerspiels verwandelt wird (z.B. in die Rolle des sich schon aufrichtenden Jungen vor dem alternden Vater").

Die Darstellung des interpretierten Lebenslaufes des Partners setzt Offenheit und Vertrauen voraus, aber vor allem eine Vertrautheit mit der Lebensgeschichte des Partners. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei die Einstellung gegenüber Veränderung, ob diese als Bedrohung oder ob die Veränderung der Partner als gemeinsame Aufgabe und Chance für die Partnerschaft erfahrbar wird. Jede spielerische Darstellung stellt zugleich ein Metaspiel für die aktuelle Beziehung des Paares dar, einen spielerischen Metadialog.

Frau K. schildert im Rahmen einer Paarberatung eine Szene aus der Kindheit ihres Mannes. Diese habe abends immer zum Vater gehen müssen, der ihn streng und ermahnend fragte, was er der Mutter böses angetan hätte. Für Herrn K. war diese Erfahrung sehr beschämend, was seine Partnerin wusste. Im Rollentausch stellt sie sich zuerst mit gesenktem Kopf vor den Vater, der durch ein hohes Kissen auf einem Sockel dargestellt wird. Sie richtet sich auf, spricht zur Seite: diese Haltung, gemischt mit Wut, Trauer und Scham sei unerträglich. Sie richtet sich auf, steigt aus der Rolle aus, geht innerlich zurück und spürt nach, dass ein vollständiges Sich Aufrichten vor dem Vater in der Rolle des Jungen nicht möglich ist, und bestätigt damit das Erleben des Partners. Aber sie kann sich etwas aufrichten und der aus geringer Entfernung zuschauende Partner erinnert sich an Momente, in denen er den Blick hob.

In der Paargruppe wird diese Szene aufgegriffen und erweitert. Herr K. schildert die Szene noch einmal aus seiner Sicht. Während der Schilderung spielen andere Gruppenteilnehmer diese Szene. Frau K. schlüpft in die Szene der Schwester des Vaters, die Herrn K. als Jungen sehr zugetan war und ihn oft ermutigte, tröstete und gegen den Vater in Schutz nahm.

Herr Z. spielte die von seiner Gattin geschilderte Szene eines langen Laufes am Strand in der Sonne. Dies sei einer der glücklichen Momente ihres Lebens gewesen. Im Rollentausch wurde er der tiefen Lebensfreude und Lebenssehnsucht seiner Gattin gewahr (neue Erfahrung für ihn) und bestätigte sie.

Die szenische Darstellung des Prozesses des Zueinander Findens als Paar und Hochzeitsbilder können im Besonderen der Bestätigung der Partnerschaft dienen, aber auch geheime familiäre Delegationen, Familienmythologien und verstrickte Lebensthemen erlebbar machen.