Familienskulpturen
Andreas Schulz
Psychodrama-Therapeut

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Die Familienskulpturen offenbaren die zentralen Beziehungsthemen, die in Familien vorherrschen, oft über Generationen als Wertvorstellungen, Überzeugungen, Lebenshaltungen weitergereicht.

"Die Wagenlenkerin": Das Ehepaar Sch. stellte sich nahe zueinander hin. Die heranwachsenden Kinder strebten mit Ungeduld nach außen. Alle waren unruhig. Im Hintergrund auf einem Rodest stand aufrecht ihre Mutter. In ihren geballten Fäusten hielt sie die Familie mit unsichtbaren Zügeln zusammen. Stolz rief sie "Hier habe ich das Sagen!" Herr Sch. wollte aufbegehren, resignierte und ging zur Seite.

Diese Familie gewährt der "Wagenlenkerin" als Lenkerin der Familienbeziehungen sehr viel Macht. Bei einem sukzessiven Rollentausch mit der "Wagenlenkerin" wurde dem Paar klar, daß beide auf ihre persönliche Fähigkeiten und die durchaus bestehende innere Klarheit verzichteten. Herr Sch. befürchtete, seiner Frau gegenüber illoyal zu werden, wenn er sich gegen seine Schwiegermutter wenden würde. Wir glaubten eher, daß er Angst vor der Konkurrenz mit der Schwiegermutter hatte.

"Die Eifersucht": Herr B. und Frau B. bauten auf seine Initiative und von ihrem aufflackernden und verlöschenden Unmut begleitet eine Familienszene auf: Er stellte sie in geringem Abstand vor sich hin, ihre vitale Tochter Natalie (15) und ihr Freund Christian (22) sind einander zugewandt. Seine Tochter Angelika (21) hielt sich abseits, kritisch im Blick. Christian wandte sich mit einem lustvollen Blick zu Frau B. Er trug ihre Leggings. Er verfügte über keinerlei Ausstrahlung. Herr B. stand wachsam lauernd, die Hände gekrümmt, als wollte er den anderen Mann würgen.

Herr B. inszenierte seine Eifersucht. Frau B. hatte dem Freund der Tochter nach einem Gewitter auf Wunsch der Tochter ihre Leggings ausgeliehen. Herr B. erstellte eine Szene, in der er seine Partnerin implizit moralisch anklagte. Männer wurden als Konkurrenten dargestellt. Die Szene wies auf eine eingeengte Sicht und Beziehungsfähigkeit hin. Die Welt wirkte bedrohlich. Durch sein starres Festhalten und Beharren versuchte er seine Angst zu bannen. Atmosphärisch schien es anstrengend zu sein, die Familiendynamik aufrechtzuerhalten. Frau B. wehrte sich erst zaghaft gegen das Bild, das ihr Partner von ihr entwarf. Auch in der Nachbesprechung der Familienskulptur mit dem Paar bezichtigte Herr B. seine Freundin der Illoyalität und warf ihr vor auf Männerfang zu sein. Weder die Eifersucht noch die Angst wurden auf die Bühne gestellt, so daß eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Themas für die Beziehung noch nicht möglich war.

"Flucht und Einsamkeit": Frau R., ihr Mann und die Kinder Andrea (9), Alexander (13) standen eng beieinander. Plötzlich strebten alle auseinander, liefen hin zu jemand anderem außen in der Welt. Sie blieb einsam fragend stehen. Das Rollenspiel war treffend, kurz, prägnant, gespielt mit Kraft.

Zur Verdeutlichung von einengenden Verstrickungen arbeiten Psychodramatiker oft mit Übertreibungen, um nicht gelebte oder gezeigte Gegenimpulse zu provozieren. Diese Impulse weisen auf notwendige Lösungen oder Zwischenschritte hin. Die heftige Bewegung der Spieler deutete darauf hin, daß in diesem Rollenspiel spontan die Auflösung einer zu engen oder als bedrohlich erlebten Familienkonstellation inszeniert wurde. Interessant war das Verbleiben von Frau R. Sie bürdete sich die Last für den Familienzusammenhalt auf. Sie stand da erschöpft und ohne Unterstützung. Im Interview zu ihrem Rollenspiel bemerkte Frau R., daß sie einen großen Wunsch nach Zugehörigkeit hegte. Sie wollte wahrgenommen und gehört werden.

"Das versteckte Paar": Das Elternpaar Gy. stellte sich mit den kleinen Kindern (Nils 1 1/2, Juliane 3 1/2) auf die Bühne vor die Gruppe. Beide fanden kaum Platz zwischen den Kindern. Herr Gy. deutete einen Schritt nach außen an. Frau Gy. hielt ihm schnell die Kinder hin und forderte ihn zum Bleiben auf. Verwirrt schaute er zu seiner Frau, erinnerte sich. Sie waren einst ein Paar. Fr. Gy. wollte ihre Kindersorgen loswerden. Als sie ihm Nils reichte, trafen sich ihre Augen. Wieder schwang schweigend eine Form des Verstehens mit.

Beschrieben wurde eine sehr typische Konstellation einer jungen Familie. Mit dem Auftreten der Kinder auf der Familienbühne ändern die Erwachsenen ihre Rollen. Die Elternrollen in ihren geschlechtsspezifischen Variationen treten in den Vordergrund. Andere Rollen und Identitätsgestaltungen treten in den Hintergrund und leben weiter als Erinnerung, als Sehnsucht und als ungelebtes Potential.

Moreno (1988, S. 184) spricht von "unerfüllten Rollen". Auf seine Sehnsucht angesprochen, besinnt er sich später im Verlauf eines Entwicklungsprozesses seiner Kreativität und belebt die alte Rolle des "Abenteurers". Er wendet sich den Kindern freier zu. Die Partner dürfen einander wieder als "Liebhaber" und "Geliebte" begegnen.

"Helfen und Zusammenbrechen": Vorgestellt wurden die Eltern O., die erwachsenen Kinder Katrin (16), Kirsten (22), Martin (25). In schnell aufeinander folgenden Szenen wurde ein Wechsel von Hilfesuchen, Hilfegeben und Hilfebedürftigkeit dargestellt: Der Mutter von Frau O. ging es schlecht (d.h. sie klagt). Frau O. versuchte sie aufzumuntern, hielt die Mutter selber nicht aus, brach fast zusammen und holte sich Hilfe von der Tochter (Katrin). Diese stützte kurz, holte sich dann Hilfe vom Bruder. Dieser stützte sie und rief dann Kirsten an, die den Bruder stützte und sich selber Hilfe von ihrem Freund holte. Außerhalb der Szene stand ein Freund von Herrn und Frau O., der als Psychologe "weise" Kommentare von sich gab, sich aber sonst heraushielt. Hr. O. stand in der Nähe des Freundes, schwieg und bereitete sich auf seinen Herzinfarkt vor.

Die starke Fokussierung auf den Wechsel von Hilfesuchen, Helfen und Zusammenbrechen wies auf eine sehr verstrickte Familie mit einem eingeengten Interaktionsmuster hin. Vielleicht verlieh dieses Familienritual ein Gefühl von Identität und Zusammenhalt. Hintereinander nahmen alle die Rollen der zu stark belasteten moralisch klagenden Hilfesuchenden und der heroisch sich aufopfernden Hilfeleistenden ein. Der schnelle Wechsel von Hilfestellung und Hilfsbedürftigkeit war schon beim Zuschauen kaum auszuhalten. Die fixierten Rollen (Petzold & Mathias, 1982, S. 69) und Personen wechselten sehr schnell. In tödlicher Konsequenz verzichteten alle auf die Freiheiten der Rollenwahl und Rollengestaltung. Angst schwang in den Szenen mit. Schöne Worte hielt das Paar zusammen. Ein intellektuelles Redepaar.

"Müsst ihr euch seit 20 Jahren streiten?": In einer kurzen Vignette zeigten Herr und Frau Wo. sehr offen, daß sie seit langem in einem endlosen Streit verfangen waren. Die Atmosphäre war sehr angespannt und flackerte in einem Streit auf. Beide warfen sich uralte unerledigte Erlebnisse aus ihrer Ehegeschichte vor. Der Streit schien schon sehr lange zu bestehen und beide schimpften weiter und weiter, obwohl sie immer erschöpfter aussahen. Der Sohn Andreas (22) versuchte zu intervenieren und fragt: "Müsst Ihr Euch denn seit 20 Jahren streiten?" Der Sohn Michael (28) hatte die Familie längst verlassen.

Die Szene selber war für die Inszenierung des Streites unwichtig. Jedes Publikum schien recht zu sein, jede Situation konnte zur Kulisse des Streitens werden. Mir kamen diese zielsicheren Aufführungen unter geheimer Regie wie ein sich gegenseitiges Hypnotisieren vor, wie die Verabredung zu einer gemeinsamen Trance.

Wie in Trance reduzierte sich die Außenwahrnehmung des Paares. Sie waren von außen nicht mehr ansprechbar. Die Binnenwahrnehmung intensivierte und verengte sich. Das Gefühl für Zeit und Raum schien zu verschwinden. Der Streit wirkte bei den beiden wie ein verzweifelter Versuch, sich bei dem anderen Gehör zu verschaffen. Mit seiner Intervention wiederholte der Sohn die Rolle seiner Mutter: Scheitern als Vermittler.