Psychodrama
Andreas Schulz
Psychodrama-Therapeut

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Psychodrama lässt sich als eine sehr umfangreiche therapeutische Methode beschreiben, die unter der Verwendung des Spieles Menschen dazu verhilft, sich mit ihrer Lebensgestaltung konstruktiv auseinander zusetzen. Im Spiel existiert die Möglichkeit, von einer als einengend oder psychisch als bedrohlich erlebten Realität Abstand zu gewinnen und neue Lebensgestaltungen, die oft schon als Phantasie einem Verbot unterliegen, als neue Realität jenseits der bisherigen Erfahrungen ("surplus - Realität") einzuüben. Moreno sieht die heilsame Wirkung des Spiels darin, daß die beteiligten Menschen in der gemeinsamen Spielhandlung einen verstärkten Zugang zu ihrer Spontaneität und Kreativität finden.

Das Psychodrama dient dabei der Exploration der Beziehungsmuster und Beziehungsgestaltungen und unterstützt deren kognitive und sprachliche Reflexion (z.B. beim Rollenfeedback). In der direkten emotionalen Begegnung im Rollenspiel erleben die Protagonisten die Macht von unbewussten Lebensmustern. Oft ist erst nach dem Anschauen, Wahrnehmen, Erkennen und Anerkennen der Bedeutung der einengenden Kollusionen, Delegationen, irrationalen Überzeugungen und nach einer inneren Verabschiedung eine wirkliche Änderung und Hinwendung zum Du möglich. Leutz spricht von der unmittelbar im Erlebnis gründenden Du - Erfahrung, ermöglicht durch den Rollentausch.

Zentral ist dabei die Vorstellung, daß die Menschen bei ihrer Lebensgestaltung in soziale Beziehungsstrukturen eingebettet sind. Damit rückt die gelebte Beziehung und die gegenseitige Beeinflussung im Kontakt mit anderen Menschen in den Mittelpunkt. Identität wird dementsprechend nicht als Kernpunkt eines Selbst, sondern über die Qualität der Beziehungsgestaltung (Rollenvielfalt, Rollengestaltung, Clustereffekt) definiert. Nach Moreno ist Rolle "eine zwischenmenschliche Erfahrung und bedarf zu ihrer Aktualisierung meistens zweier oder mehrerer Menschen". Der Rollentausch als eine der wichtigen Methoden des Psychodramas verleiht die Möglichkeit, sich in die Erlebniswelten (Realitäten) anderer Menschen hineinzuversetzen, diese als "andere" Realitäten zu verstehen und zu akzeptieren und damit das eigene Erleben und Handeln und die inneren Bilder, die von dem Partner und der Beziehung konstruiert wurden, zu relativieren und zu ändern. Der Rollentausch vermittelt Einblick in die Situation des Partners und fördert das Problemlöseverhalten.

Diese emotionale Erfahrung kann den zwischenmenschlichen Dialog in Paarbeziehungen entscheidend fördern, das Verständnis der Bedeutungslandschaften, der persönlichen Symbolik, der Wahrnehmung, der Sprech- und Handlungsweisen des Partners vertiefen und die eigenen Fähigkeiten und Grenzen und die des Partners sichtbarer und eher erlebbar machen, als dies rein verbal orientierte therapeutische Verfahren ermöglichen.

Dadurch, daß im Spiel Raum für spontane Impulse und Ideen geschaffen wird, diese wahrgenommen, zugelassen und in Aktion umgesetzt werden, entstehen kreative Lösungen. Im Mittelpunkt steht dabei die Förderung von Wachstumsressourcen, Autonomie und Eigenverantwortung, aber auch die oft schmerzliche Erfahrung der Macht alter emotionaler Beziehungsmuster und der Kraft und Mühe, die wirkliche Veränderungen kosten können. Manche Menschen suchen nach Möglichkeiten, die alten Strukturen ohne die Eingrenzung und den Schmerz leben zu können. Sie wünschen sich erfolgreichere Strategien, ohne das Risiko des Neuen auf sich nehmen zu müssen. Manche aber begreifen, daß sie sich "selber abhanden gekommen" sind und begeben sich auf eine Pilgerfahrt, beginnen eine "geistige Reise auf der Suche nach sich selber. Getrieben vom Schmerz, getragen von Sehnsucht und Hoffnung kommen sie einzeln und in Gruppen, um Trost, Erleuchtung, Frieden, Kraft, Freude oder etwas noch Unbekanntes zu finden".

Das Unbekannte muss aber nicht notwendigerweise außerhalb der eigenen Person liegen. In der Vorstellung von Moreno verfügen Menschen über eine Vielzahl von Rollen. Dieses Rollenrepertoire ändert sich in verschiedenen Lebenskontexten. Manche Rollen stehen im Dienste einer konstruktiven Lebensgestaltung, lassen sich verändern, modifizieren und neuen Erfordernissen anpassen. In anderen dysfunktionalen Rollen erstarren Menschen. Verfangen in alten Lösungen, die nicht ihrem Lebensrhythmus entsprechen, verlieren sie immer weiter den Kontakt zu ihrer inneren Lebendigkeit.

Psychodramatische Therapie bietet als Lösung an, Situationen zu schaffen, in denen Menschen in die Lage versetzt werden, neue Rollen für sich zu gestalten, alte Rollenmuster zu erweitern und zu variieren. Moreno spricht von starren, festgefahrenen Rollenkonserven und vom Gestalten und Schaffen neuer Rollen (Role-creating).

Andreas Schulz, Psychodrama-Therapeut