Das Schicksal einer Schwarzwälderin

 

In einem stillen Seitental der oberen Kinzig, allwo sich die Füchse und Hasen Gute Nacht sagen, stand das halbzerfallene Waldarbeiterhaus der kinderreichen Familie Gruber. Hier erblickte um das Jahr 1590 Hanne als siebentes Kind das Licht der Welt und wuchs mit ihren Geschwistern heran in bitterster Armut. Der Gruber-Sepp vermochte sie nicht alle zu ernähren und mussten sie ihr Brot bei den umliegenden Bauern suchen und das in harter Arbeit. Hanne war ihr ganzes Leben lang als Stallmagd in mehreren Stellen tätig. Zuletzt kam sie unverheiratet, vom Alter gebeugt und von der harten Arbeit zusammengeschunden in der Gegend von Rottweil auf einen kleinen Hof. Hanne musste ums Essen arbeiten, an Lohn war nicht zu denken. Kränkelte sie einmal, so nahm man kaum Notiz davon. Tagelang lag sie in ihrer düsteren Kammer, auf dem Streusack, ohne Medizin, ohne Arzt, ohne ein tröstendes  Wort. Kränkelte aber eine Kuh, so war m Tag und Nacht um deren Heilung besorgt.

Es herrschte auf diesem Hof kein guter Geist, man Bauer und Bäuerin waren misstrauisch, roh und abergläubisch. Das kärgliche Brot der Hanne war nicht selten mit Tränen benetzt. Da kam für Hanne der große Unglückstag; die beste Kuh gab plötzlich keine Milch mehr und wie damals üblich, dachte man sofort an das Werk einer Hexe. Der Verdacht fiel auf Hanne und wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht, schon nach wenigen Tagen wurde sie der Hexerei angeklagt und nach Rottweil abgeführt.

Was dann geschah, ist heute noch ersichtlich in den Rottweiler Gerichtsakten, die aus jener Zeit größtenteils erhalten sind. Zuerst forderte man Hanne gütlich auf zu bekennen, dass sie mit dem Teufel heimlich Umgang pflege. Nach wiederholtem Leugnen führte man sie zur peinlichen Befragung in die Folterkammer, band ihr die Hände auf den Rücken und zog sie rückwärts an den Armen hoch und als dann trotz wahnsinniger Schmerzen das erwartete Geständnis ausblieb, wurde die Tortur verschärft indem man ihr schwere Steine an die Füße hängte. Halb ohnmächtig und an Leib und Seele gebrochen nahm man sie schließlich ab, doch nur um andern Tages dieselbe Teufelei von neuem zu beginnen. Hanne aber, um diesen unmenschlichen Qualen zu entgehen, gestand endlich alles was man von ihr erwartete. Drei Tage darauf endete ihr armes und qualvolles Leben in den Flammen, auf dem Scheiterhaufen.

Das Feuer ist erloschen und wie schon oft kehrten Richter, Bürger und Zuschauer stille, doch erhobenen Hauptes in ihre Behausungen zurück, mit dem erhabenen Gefühl, Gott und der Menschheit einen besonders großen Dienst erwiesen zu haben. Zu jener Zeit nannte man es Folter und Scheiterhaufen, später hieß es, Konzentrationslager und Gaskammer; es ist unzweifelhaft, dass die Intelligenz des modernen Menschen auch für einen etwaigen künftigen Irrwahn eine brauchbare Bezeichnung finden wird, sofern es nicht doch noch in letzter Stunde zu dem ersehnten Erwachen der Menschheit kommt.