Der vergrabene Schatz

Der Geist des sterbenden finsteren Mittelalters überschattet mit seinem Todesschleier die weiten deutschen Lande. Not und Elend hat er in seinem dreißigjährigem Todeskampf auch in die Waldtäler des Kinzigtales gebracht. Kein Städtchen und Dorf, kein Haus und Hof, in dem nicht Seuche und Tod in Gefolge der Gierigen und mordenden Soldaten nicht eingekehrt wären. Was mit entsagungsvollem Fleiß in langen Zeitläufen erworben wurde, von Großvater auf den Sohn und Enkel an Geld und Gut, als Zeichen des äußeren Wohlstandes überging, konnte morgen die Beute einiger Marodeure sein, die seit Jahren die einsamen Höfe und Hütten raubgierig absuchten.

In starker Eichentruhe hat der "Süßlesbauer" in Bergzell die straff gefüllten Säckchen voll Gulden und Taler verwahrt. Ein stattliches Vermögen nennt er sein eigen, dem seine bange Sorge gilt. So sucht er sich für seine Schätze ein sicheres Versteck. Hoch oben an der steilen Halde des Süßlesberges, die er von seinem Hofe aus ganz übersehen kann, gräbt er in nächtlicher Stunde unter einer mächtigen Haselnusshecke ein tiefes Loch, in das er die prallen Geldsäckchen versenkt. Säuberlich verdeckt er wieder seine "Schatzkammer", und niemand konnte ahnen, dass unter dem Gebüsch das Vermögen einiger Generationen der Hofbauern sicheren Zeiten entgegenharrte.

Außer dem Hofbauer wusste kein Mensch um den Platz. Den Krieg hat er aber, wie so viele andere, nicht überlebt und hat vergessen, sein Wissen um das Geheimnis seinen Nachkommen zu vererben. So harrt der Schatz bis heute noch in seiner Hebung. Holzbauer erzählen, dass beim Arbeiten am Hang des Süßlesberges oft Steine mit silberhellem Klang übereinander fallen, oder dass zuweilen kleine Scherben nach ihnen geworfen werden. Sollte dadurch der Ahngeist der Süßlesberger sie an die Hebung des seit Jahrhunderten vergrabenen Schatzes erinnern?