Die Schlossjungfrau

0ben auf der Höhe, die einst die Burg Schiltach trug, wurde früher oft die Schloßjungfrau beobachtet. Als große, weißgekleidete Frau wandelte sie über den Schloßberg gegen den Simonskapf hin. Oft wurde sie von nächtlichen Wanderern gesehen und gerufen. Doch sie ging den Menschen stets scheu aus dem Wege und wanderte dann querfeldein. Meist aber saß sie irgendwo oben auf der Höhe auf einem Stein oder Fels und sang schwermütige Weisen in die Stille der Nacht hinein. Nie verriet sie, warum sie umgehen musste.

Einst saß sie wieder oben hinterm Schlossberg und sang. Da kam noch ein Fußgänger die Staig herab, sah die Gestalt schon von weitem und lauschte ihrem Gesang. Endlich fasste er sich ein Herz, er ging auf die Erscheinung zu und fragte sie nach der Ursache ihres Leids, Langsam wandte sie dem Frager ihr wunderschönes Antlitz zu und blickte denselben strahlenden Auges an. Dann aber sprach sie mit fester Stimme die weissagenden Worte: "Dein Bruder wird in dreißig Jahren den Weg, den ich geh', auch erfahren." Daraufhin verschwand sie und wurde seither weder gehört noch gesehen; sie war erlöst.

Jahre waren vergangen. Da tauchte plötzlich im hinteren Lehengericht auf dem Taubenstein beim Welschdorf ein Geist auf, der auf einem feurigen Ross seine nächtlichen Ritte hoch über dem Schiltachtal ausführte. Es war der Bruder jenes Wanderers, der die Schiltacher Schlossjungfrau erlöst hatte. Doch nur kurze Zeit währte sein Umgang. Ein gottesstarker Mönch, so erzählt der Volksmund, hat den Reiter samt dem Ross in den granitenen Leib des Taubensteins hineingeschworen, so dass der Spuk gebannt war.