Im Dialog PiD - Psychotherapie im Dialog 2003;  422-423

Jürgen Ott: Vermittler zwischen Ost und West

*30. 5. 1938 † 25. 9. 2003

Wolfgang  Senf, Michael  Geyer

Jürgen Ott ist am 25. September 2003 für uns völlig unerwartet verstorben. Er hat sich in ganz besonderer Weise für den Dialog in der Psychotherapie eingesetzt, nicht nur für den zwischen den verschiedenen sog. psychotherapeutischen Schulen, sondern in besonderer Weise für den Dialog zwischen Ost und West. Dafür brachte er besondere Voraussetzungen mit: Wie niemand sonst war er in den psychotherapeutischen Landschaften des Ostens wie des Westens zu Hause.

Bis zu seiner Ausreise in den Westen 1985 hatte er in der DDR eine herausragende Bedeutung für die dortige Entwicklung der Gruppenpsychotherapie. Diese Entwicklung verlief von Beginn an in enger Beziehung zur „westlichen Psychotherapie”.

Am Anfang stand das Internationale Symposion über Gruppenpsychotherapie in Ost-Berlin im Januar 1966 (übrigens ein wichtiger Ausgangspunkt sowohl für die Gründung des DAGG wie auch für die Entwicklung der ostdeutschen Gruppenbewegung), das ihn erstmalig in Kontakt mit Anneliese Heigl-Evers brachte. Nicht zuletzt angeregt durch dieses Symposium gründete Jürgen Ott die „Erfurter Selbsterfahrungsgruppe”, deren Mitglieder (Böttcher, Franke, Geyer, Maaz, Schwabe, Wilda-Kiesel u. a.) später die Entwicklung der Psychotherapie in der DDR entscheidend mitbestimmen sollten - und zwar oft im Konflikt und offenen Dissens zur offiziellen Politik, was in der DDR mit erheblichen Risiken für die eigene Existenz verbunden war. Das zeigte sich besonders auf dem 6. Jahreskongress der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie in Magdeburg im Jahr 1971, auf dem Ott und Geyer in einem Vortrag über die „Erfurter Selbsterfahrungsgruppe” berichteten, worüber es zum offenen Eklat kam. In PiD (Heft2/01) hatte Michael Geyer im Interview mit Wolfgang Senf darüber berichtet.

Jürgen Ott hat bis zu seiner Ausbürgerung aus der DDR 1985 als Partner Kurt Höcks und Leiter zahlreicher Ausbildungskommunitäten die Entwicklung der Gruppenpsychotherapie in der DDR maßgeblich mitgestaltet. Nicht nur auf diesem Feld sorgte er dafür, dass die Beziehung zur westlichen Psychotherapie - insbesondere zur psychodynamischen Sichtweise - nicht abriss und in der klinischen Praxis der stationären Psychotherapie Einfluss behielt.

Nach langjähriger Tätigkeit an der Medizinischen Akademie Erfurt war Jürgen Ott 1974 an die Nervenklinik der Charité gewechselt und hatte dort in Zusammenarbeit mit Kulawik, Ehle, Ribbschlaeger und Wahlstab Modifikationen der Intendierten Dynamischen Gruppentherapie auch für die Behandlung von Alkoholkranken, Psychotikern, Persönlichkeitsstörungen und PatientInnen mit Ess-Störungen entwickelt.

Nach seiner Ausreise aus der DDR arbeitete er dann ab 1986 in der von A. Heigl-Evers geleiteten Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und als Ausbilder in Tiefenbrunn an der weiteren Differenzierung des Göttinger Modells der Anwendung der Psychoanalyse in Gruppen und verknüpfte auf diese Weise die Erfahrungen mit beiden Gruppenkonzepten. Nicht zuletzt seine Zusammenarbeit mit Anneliese und Franz Heigl und Ulrich Rüger am bekannten Lehrbuch der Psychotherapie ist Ausdruck dieser Kooperation.

Nach der Wende war Jürgen Ott als kundiger Wanderer zwischen diesen verschiedenen Welten unermüdlich bemüht, den Dialog zwischen Ost und West in Gang zu bringen und zu fördern. Auf der Weimarer Psychotherapiewoche führten Anneliese Heigl-Evers und Jürgen Ott regelmäßig Seminare und Übungen speziell in der Psychoanalytisch- interaktionellen Gruppenpsychotherapie durch. Aufgrund dieser persönlichen Erfahrungen fanden die Sichtweisen und Prinzipien dieser Methode Eingang in stationäre Behandlungskonzepte der neuen Bundesländer und haben sich mit den dortigen Konzepten verbunden. Dank der Initiativen von Jürgen Ott entwickelten sich nach der Wende auch intensive Kontakte und vor allem persönlicher Austausch zwischen Universitätskliniken in Ost und West, insbesondere mit den Kliniken für Psychotherapie und Psychosomatik in Halle, Jena und Leipzig.

Rückblickend ist es Jürgen Ott gelungen, Annäherungen zu ermöglichen, auch wenn er mit Vorurteilen zu kämpfen hatte, die den Dialog in der Psychotherapie zwischen Ost und West erschwerten. So musste er „die im Westen” davon überzeugen, dass die ehemalige DDR keineswegs eine psychotherapeutische Diaspora war, sondern eine intensive und lebendige „psychotherapeutische Szene” hatte. „Die im Osten” konnten sich nicht so recht vorstellen, dass auch einer aus dem Westen nicht nur belehren, sondern auch lernen will und sich neuen Ideen öffnen kann.

Jürgen Ott hat persönlich nun beides repräsentiert: eine ausgeprägte Lebendigkeit und große Offenheit für Neues. Das hat es ihm zwar weder im Osten noch im Westen leicht gemacht, war aber eine der wichtigen Grundlagen seines Erfolges.

Wir werden ihn fachlich wie persönlich sehr vermissen und sehen uns verpflichtet, den von ihm getragenen Dialog zwischen Ost und West ebenso engagiert weiterzuführen.

Literatur

1 Geyer M. Kommentar zur Publikation „Bericht über eine Selbsterfahrungsgruppe nach 16 Monaten” von Jürgen Ott und Michael Geyer. In: Bernhardt H, Lockot R (Hrsg), Eds.; Mit Ohne Freud. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Ostdeutschland. Gießen Psychosozial 2000 

2 Ott J, Geyer M. Psychoanalyse und Gruppenpsychotherapie - Ein Blick auf die Entwicklung in Ostdeutschland und der DDR. In: Geyer M et al. (Hrsg), Eds.; Psychotherapeutische Reflexionen gesellschaftlichen Wandels. Frankfurt a. M. VAS-Verlag 2000 , p. 53-76